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Natürliche Lebensweise von Kaninchen

Würden wir unsere Hauskaninchen in die freie Wildbahn setzen, so würden sie sich innerhalb kürzester Zeit wieder an das Leben außerhalb der menschlichen Obhut gewöhnen. Es würde nicht, wie das bei vielen „gezähmten“ Wildtieren der Fall ist, eine lange Phase der Evolution dauern, um wieder die Verhaltensweisen des Wildkaninchens an den Tag zu legen. Obwohl noch immer sehr eng mit dem natürlichen Verhalten der Wildkaninchen verbandelt, so unterscheidet sich das Hauskaninchen in einigen Dingen dennoch.

Das Leben in Käfigen und Gehegen hatte vor allem Auswirkungen auf das Verhalten. So müssen unsere in Gefangenschaft lebenden Kaninchen nicht mehr ein solch ausgeprägtes Schutz- und Verteidigungsverfahren aufweisen, wie ihre wilden Artgenossen. Feinde hat das Langohr schließlich in Gefangenschaft in der Regel nicht.

Ein wenig hat sich zudem das Bewegungsverhalten der domestizierten Kaninchen im Laufe ihrer Zeit als Haustier verändert. Das ist dem Umstand zu zollen, dass wir Kaninchen in Gefangenschaft einfach kein so platzintensives Leben bieten können, wie es ein Wildkaninchen führt. Ein Blick auf die natürliche Lebensweise von Kaninchen lohnt sich dennoch, um unseren hoppelnden Haustieren auch in Gefangenschaft ein möglichst angenehmes Leben zu bieten – und schnell zu verstehen, warum ein kleiner Käfig nicht zur Kaninchenhaltung geeignet ist.

Optimale Wohnlage für Kaninchen

Kaninchen sind auf der ganzen Welt verbreitet, kein Wunder, finden sie doch beinahe überall Lebensbedingungen, die für sie geeignet sind. Nur in Gebirgslagen verschlägt es das Kaninchen höchst selten, denn die Böden dort sind sehr fest und steinig – gar nicht Kaninchen like! Sie bevorzugen offene, weite Gebiete, die vornehmlich einen Sandboden aufweisen.

Im Gegensatz zum Feldhasen graben Kaninchen nämlich so genannte Baue. Dazu graben sie fleißig mit den Vorderläufen in der Erde, während die kräftigen Hinterbeine dafür sorgen, dass die Erde abtransportiert wird. In diesen unterirdischen Tunnel- und Höhlensysteme verbringen sie einen Großteil ihres Lebens. Der Kaninchenbau schütz die Karnickel dabei nicht nur vor Feinden und Witterungseinflüssen, sondern dient auch der Aufzucht von Nachwuchs und dem Ausleben des Sozialverhaltens.

Welches Habitat eine Kaninchengruppe zum Leben wählt hängt aber nicht nur von den Bodenverhältnissen ab, sondern hängt, anders als vielleicht vermutet, vom Feinddruck ab. Das sind, je nach Lebensraum und Alter, vor allem Mensch, Hund und Fuchs, sowie Bussarde und Uhus. Für die kleinen Nachwuchs-Fellbündel können auch Katzen und Krähen zum Problem werden.

Haben Kaninchen beim Lebensraum die freie Wahl, entscheiden sie sich daher nicht für die besten Futtergründe, sondern für die Gegenden, in denen die wenigsten Feinde zu finden sind. Bei uns in Mitteleuropa bevorzugen die wilden Kollegen unserer Hauskaninchen das halboffene Terrain. Oft trifft man in Parkanlagen, auf Friedhöfen, Böschungen und Bahndämmen auf sie.

Architektonisches Meisterwerk Kaninchenbau

So ein Kaninchenbau hat es ganz schön in sich. Je nachdem, wie groß die Kaninchenfamilie ist, so entwickelt sich auch der Kaninchenbau. Bis zu 100 Quadratmeter kann so ein Höhlensystem umfassen. Das muss freilich nicht ein Kaninchen alleine graben, alle Mitglieder der Kaninchentruppe helfen mit und so wird stetig um- und ausgebaut. Dabei scheinen die Kaninchen ihren Bauplan immer genau vor Augen zu haben, denn es wird an vielen Stellen gleichzeitig gegraben. Kaum zu glauben, dass sich die jeweiligen Höhlen trotzdem treffen.

Was aus menschlicher Sicht ein ziemliches Wirrwarr ergibt, ist für das Kaninchen ein gut durchdachtes Konzept, das genau an seine natürliche Lebensweise angepasst ist. Außerhalb des Tunnelsystems bewegen sich die Kaninchen gar nicht so weit, wie man eigentlich meinen sollte. Ihr Leben spielt sich in einem Radius von rund 200 Meter um den Bau herum ab. Geht es auf Nahrungssuche, kann sich dieser Aktionsradius allerdings bis auf 600 Meter ausdehnen.

Pfiffiges Fluchtsystem

So ist der gesamte Bau für alle Eventualitäten gerüstet – vor allem aber für den Fall der Flucht, bzw. das Eindringen eines Feindes. Wie ein normales Wohnhaus verfügt der Kaninchenbau über Haupt- und Nebeneingänge. Der Haupteingang verläuft sanft abfallend durch eine, aus Sicht eines Kaninchens, relativ breite Röhre und ist mit einem kleinen Erdhaufen „vor der Haustür“ gekennzeichnet. Diese Eingänge zur Kaninchenbehausung werden unter normalen Umständen von allen Kaninchen benutzt, während es noch die Notfalleinrichtungen gibt -eine Art Noteingang für Kaninchen.

Bei diesen Hintertüren fehlen die Erdhaufen und sie Enden in der Regel in einem Gebüsch oder unter Sträuchern versteckt. Außerdem weisen diese Noteingänge eine weitere Besonderheit auf. Im Gegensatz zu den Haupteingängen fallen sie nicht sanft, sondern senkrecht zur Erdoberfläche ab. Ist ein Kaninchen auf der Flucht, kann es sich einfach in die Röhre fallen lassen und ist für Feinde blitzschnell wie vom Erdboden verschluckt.

Von Kuschelecken und Nothaltebuchten

Das Fluchttier Kaninchen ist auf seine natürliche Lebensweise als Beutetier perfekt ausgerichtet. So verbringt es die meiste Zeit des hellen Tages im Schutze seines Baus. Das bewahrt das wildlebende Kaninchen nicht nur vor Feinden, sondern auch vor Witterungseinflüssen. Ihre Höhlen und Röhren liegen in einer Tiefe von rund 2 Metern, entsprechend hoch ist die Luftfeuchtigkeit (um 90%). Auch die Temperaturen sind, je nach vorherrschender Jahreszeit, im Kaninchenbau recht konstant. Sie liegen das Jahr über zwischen 4 und 14 Grad – perfekte Temperaturregulierung – kein Frost, keine Sommerhitze.

Die Höhlen, Gänge, Buchten und Kammern eines Kaninchenbaus sind dabei nicht etwa sinnlos angeordnet. Das Zentrum eines Baus, in dem bis zu 50 Mitglieder einer Kaninchenfamilie leben können, bildet das Wohnzimmer, in der Fachsprache als Kessel bezeichnet. Von hier aus gehen die Haupt- und Fluchtgänge ab. So ist es den Kaninchen möglich, beim Eindringen eines Feindes schnellstens die Flucht zu ergreifen. Hierzu werden aber nicht etwa die Hauptgänge genutzt, denn sie sind in der Regel recht breit, sondern die speziellen Fluchtwege. Sie sind so eng, dass gerade einmal ein Kaninchen hindurchpasst. Damit es unter den Kaninchen keinen Stau in den engen Fluchtröhren gibt, sind in gewissen Abständen Ausbuchtungen – vergleichbar mit Nothaltebuchten – zu finden.

Einrichtung und Raumdeko

Das Tunnel- und Höhlensystem von Wildkaninchen ist aus menschlicher Sicht eine recht undekorierte Behausung. Der Kessel, in dem die Kaninchen kuscheln, sich putzen und vor sich hindösen, ist völlig kahl und leer.

Die Kinderzimmer (Nestkammern) hingegen, die etwas abseits des Wohnraums liegen, sind gemütlich ausgestattet. Trockenes Stroh, Gras und von der Kaninchenmama ausgezupftes Bauchfell ergeben ein kuscheliges Nest für die nackten Jungen. Diese Nestkammern, die direkt mit dem Höhlensystem verbunden sind, werden allerdings nur von den ranghohen Häsinnen belegt. Die Zugänge zu ihren Nestern markieren die Herrscherinnen durch ihre Duftdrüsen, sodass jedes andere Mitglied der Kaninchenfamilie genau weiß, dass es keinen Schritt weiter darf, eine Art unsichtbare Tür.

Anders sieht es für rangniedrige Häsinnen aus. Sie müssen ihre Nester ohne direkte Verbindung zum Hauptbau anlegen. Was auf der einen Seite praktisch erscheint, birgt auf der anderen Seite Risiken. So können die Kleinen zwar nicht entwischen und für die Kaninchenmama ist die Pflege der Jungen einfacher, dafür gibt es aber auch nur einen Eingang und keinen Notausgang. Und so sitzen Kaninchenmutter und Junge im wahrsten Sinne des Wortes in der Falle, wenn ein Feind eindringt.